»Allanwesenheit« als Technologie, Phantasie und technisch gesättigte Metapher
Überwachung ist eine Tatsache. Die Wißbegierde von Firmen und Behörden scheint grenzenlos, und ebenso vielfältig wie die »use cases« der Technologien zum Sammeln, Spähen und Auswerten sind die Begründungen, mit denen diesem Tun der Anschein von Legitimität oder gar Notwendigkeit verpaßt werden soll. Sicherheit, Effizienz, Gerechtigkeit, Wirtschaftlichkeit, Kundenfreundlichkeit - die Liste ließe sich verlängern. Erweckt wird der Eindruck, wir hätten es hier mit einer Vielzahl von ganz unterschiedlichen Phänomenen zu tun.
Doch schon auf technischer Ebene zeigt sich bei genauem Hinsehen ein anderes Bild. Die Zwecke mögen unterschiedlich sein, aber die Technologien sind universell: »Information Retrieval« etwa kann helfen, große Textsammlungen zu bestimmten Themen schnell und bequem zu erschließen und semantisch zu annotieren; mit der selben Technik lassen sich aber auch Massen von Emails oder Websites auf der Suche nach Konkurrenten oder Staatsfeinden durchstöbern. Ohne relationale Datenbanken gäbe kein Customer-Relationship-Management, wie wir es heute kennen, aber auch nicht die Tag-Sammlungen des »Web 2.0«.
Mir geht es aber um einen anderen Zusammenhang, einen, der nicht durch »double use« (oder »multiple use«) der Techniken gestiftet ist, sondern der sich aus dem Ineinander von menschlichen Grundphantasien, wirtschaftlichen und politischen Anliegen und einer bestimmten Art von Metaphern ergibt, mit deren Hilfe wir versuchen, uns einen Reim auf neuartige technologische und soziale Entwicklungen zu machen.
Angewandte Technologie ist niemals »neutral«, und gern wird sie nachträglich metaphorisch gedeutet oder im Hinblick auf ein metaphorisches Modell erst entwickelt. Nehmen wir den »Schutzschirm« des New Missile Defense-Programms der Regierung Bush als Beispiel: Das Bild des »Schutzschirms« gibt eine Leitlinie dafür ab, wie das System in etwa funktionieren soll; es transportiert eine emotionale Komponente (schließlich fühlt man sich gern »beschützt«, etwa mit einem Dach über dem Kopf) und dient gleich noch als politisches Druckmittel: nur bei wohlgefälligem Verhalten darf unter dem Schirm platzgenommen werden. Eine solche Metapher, die technische und rhetorische Elemente in sich vereinigt, nenne ich eine »technisch gesättigte Metapher«.
Es gibt aber noch einen wichtigen weiteren Aspekt, der hier hineinspielt: die Rolle von Analogien und Metaphern bei der Schaffung, Auslegung und Anwendung von rechtsverbindlichen Regeln. Gerade bei den »invasiven« Themen von Krieg und Überwachung, bei denen es um Grundrechte, um die leibliche und seelische Unversehrtheit, also nach menschlichen Maßstäben um »alles« geht, sind Sinn und »gefühlte Legitimation« oft nur vermittels von Bildern zu haben (oder zu erzeugen). Der mittlerweile entzauberte Saubermann und Hardliner Manfred Kanther sprach im Zusammenhang mit dem »Großen Lauschangriff« immer gern von »der Gangsterwohnung« und machte damit den - wie man mittlerweile weiß: seltenen - Fall einer gelungenen Belauschung zum Prototypen der Kategorie der Wohnungsüberwachungen. Implizit wurde damit der unschuldig Betroffene zum Sonderfall und die Unschuldsvermutung rhetorisch ausgehebelt.
Es wird also hier der Versuch unternommen, den Prozeß der »technischen Sättigung« einiger Metaphern zu untersuchen, einschließlich der rhetorischen Legitimationsfiguren, die diesen Prozeß begleiten. Ziel wäre es, die rhetorische Abschließung der Debatten (starke Bilder sollen keine Fragen offen lassen) beschreibbar zu machen und dadurch - zum Teil wenigstens - zu durchbrechen.
Abschließung der Diskurse
Ein kurzer Schlenker soll deutlich machen, was ich mit »Abschließung der Diskurse« meine. Im Februar 2003 veröffentlichte die CDU-Chefin Angela Merkel in der Washington Post einen Artikel unter dem Titel »Schroeder Doesn't Speak for All Germans«. Gemeint war natürlich Schröders Ablehnung eines »Präventivkriegs« gegen den Irak. Eine zentrale Stelle des Artikels lautet: »Peace is a supreme good, for the sake of which every effort has to be made. But it is also true that responsible political leadership must on no account trade the genuine peace of the future for the deceptive peace of the present.« In diesem kurzen Absatz versteckt sich die Erfindung des Handels mit moralischen Gütern. Das Gut »Frieden«, um dessentwillen Merkel - konsensheischend - »jede nur erdenkliche Bemühung« für geboten hält, existiert ihr zufolge in zwei Ausführungen, davon die eine (der »wahre« Frieden) leider nur in der Zukunft und die andere (der »trügerische«) in der Gegenwart. Und man kann mit ihnen handlen, den einen gegen den anderen eintauschen oder eben nicht. Und natürlich (was man so »natürlich« nennt) ist ein wahrer Friede besser als ein trügerischer. Allerdings verbirgt die metaphorische Argumentation - während sie es im Subtext gerade nahelegt - daß der wahre Frieden uns eben noch nicht gehört, sondern durch einen Krieg erst noch hergestellt werden muß. Was aber nicht weiter schlimm ist: den trügerischen Frieden der Gegenwart will ja ohnehin niemand haben. Von sonstigen Texten, gar Gesetzestexten, will diese Metapher nichts wissen. Im Gegenteil: ihr Zweck ist es, Nachfragen nicht nur zu unterbinden, sondern geradezu undenkbar zu machen. Zum »wahren Frieden« gibt es keine Alternative. Wer hier noch vom Völkerrecht und dem Verbot eines Präventivkriegs spricht, der muß sich vorhalten lassen, daß er schändlicherweise weniger als den einzig wahren Frieden möchte.
Unter derselben Fahne segelt natürlich George W. Bush, seit er den »War on Terror« ausgerufen hat, den er mit Worten wie »they hate us« etc. als alternativlos darstellen möchte. Der US-Linguist George Lakoff kommt nach einer Untersuchung von Bushs Rhetorik nach dem 9.11. zu dem Schluß, daß für Bush das Böse eine Substanz ist, die vernichtet werden muß, koste es was es wolle. Bekanntlich ist Bush der Ansicht, daß jeder, der sich nicht augenblicklich und bedingungslos auf seine Seite schlägt, ein Komplize des Bösen.
In einem anderen Fall erlangte die Macht des Bildes sozusagen Gesetzeskraft: Am 28.6.1993 änderte der Deutsche Bundestag den Artikel 16 des Grundgesetzes der Bundesrepublik dahingehend, daß der individuelle Anspruch auf politisches Asyl in Deutschland de facto abgeschafft wurde. Dieser Gesetzesänderung waren zwei mediale Großereignisse vorangegangen, die auf sehr unterschiedliche, aber letztlich gleichsinnige Weise jener Grundgesetzesänderung den Weg ebneten, und zwar einerseits eine Serie von ausländerfeindlich motivierten Verbrechen, bei denen mehrere Menschen zu Tode kamen, und andererseits eine breite Debatte in deutschen Massenmedien zu den Themen Asyl und Zuwanderung. Diese Debatte war nun auf eine bemerkenswert deutliche Weise von Metaphern des Fließens, Strömens und Stürmens bestimmt, was sich z.B. an immer wiederkehrenden Überschriften wie »Breiter Strom vom Balkan« oder »Ansturm von Asylbewerbern erwartet« zeigte. Bemerkenswert war nicht nur das Ausmaß dieser Metaphorisierung (kaum ein Artikel verzichtete darauf, wenigstens die eine oder andere Metapher aus diesem Fundus zu verwenden), sondern auch, daß diese Metaphern offenbar miteinander in einem systematischen Verhältnis standen. Das metaphorische Szenario war das eines von äußeren Naturgewalten bedrohten »sicheren« Innenraums, dem die »Wände« (Gesetze, aber auch physische Grenzen) bald nicht mehr standhalten würden. Ein Titelbild des SPIEGEL aus dieser Zeit zeigt Asylbewerber, die offenbar die Tore der betreffenden Behörde einrennen; zur Dramatisierung montierten die Grafiker des SPIEGEL rasch noch zwei Polizisten in den Vordergrund, die offenbar nichts unternehmen konnten, um der Lage Herr zu werden. Die nüchterne Festlegung des Grundgesetzes, daß politisch Verfolgte in Deutschland Anspruch auf politisches Asyl haben, war schließlich der Macht des Bildes vom hereinbrechenden Chaos nicht gewachsen, obgleich die historischen Hintergründe, die genau zu jener grundsätzlichen Regelung führten, den politischen Akteuren so kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands durchaus präsent gewesen sein müssen.
Vor einiger Zeit tat sich der bayerische Ministerpräsident Stoiber mit der Aussage hervor, man dürfe auf die Informationen, die sich durch die Verknüpfung der unterschiedlichen Datenbanken von Polizei, Geheimdiensten, Sozialbehörden etc. für die Strafverfolgung ergäben, nicht »verschenken«. Auch Stoiber operiert hier, wie Merkel weiter oben, mit einem noch gar nicht vorhandenen Gut, denn noch stehen dem Gesetze entgegen. Die Debatte wird willkürlich auf das Haben oder Nichthaben von Informationen verkürzt, ohne die Gründe, die für die Trennung der Datenbanken sprechen und sich in den entsprechenden Gesetzen niedergeschlagen haben, auch nur zu erwähnen. Vielleicht hatte ja Stoiber den berühmten Satz 1 von Wittgensteins »Tractatus logico-philosphicus« vor Augen, der lautet: »Die Welt ist alles, was der Fall ist.« Und für den im Datenhimmel schwebenden Ministerpräsidenten stellt sich die Sache so dar, daß all die digitalen Spuren, die zu irgendetwas führen, was der Fall ist oder einmal war, bewahrt und miteinander verknüpft werden müssen. Alles andere wäre »verschenkt«.
Allanwesenheit und Omnipotenz
»Die Welt ist alles, was der Fall ist.« Kurz nach dem 2. Weltkrieg wurde zum ersten Mal ernsthaft über die Möglichkeit des Einsatzes digitaler Computer in der Landesverteidigung nachgedacht, um die Frage zu klären, was denn nun »der Fall« sei. Der Techniksoziologe Paul N. Edwards hat die Geschichte solcher Systeme (von SAGE bis SDI) im Lichte des politischen Diskurses des Kalten Kriegs untersucht und ist zu der einigermaßen überraschenden Feststellung gekommen, daß solche Systeme in der Regel technisch nicht oder nur unzureichend funktioniert oder zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung bereits überholt waren, während sie auf der Diskursebene erfolgreich als »Technik gewordene Argumente« fungierten.
Für unseren Zusammenhang ist zunächst einmal der »Frame« interessant, in dem all diese technologischen Entwicklungen stattfanden. Nach Edwards bestand dieser Frame in der Annahme eines finalen und ubiquitären Konflikts zwischen der sogenannten Freien Welt auf der einen und der Sowjetunion und ihren Satelliten auf der anderen Seite in einer »closed world«, einer hermetisch abgeschlossenen Welt. Abgeschlossen ist diese Welt gleich drei mal: nach außen gibt kein Entkommen vor dem Konflikt (im Gegensatz zur »green world« ), nach innen gilt gegenüber dem weltanschaulichen Gegner die Doktrin des »containment« , also der möglichst weitgehenden und umfassenden Überwachung und Einschränkung seiner geopolitischen Entfaltungsmöglichkeiten; umgekehrt sind auch die USA ein metaphorischer »Container« mit verletzlichen Außengrenzen, die geschützt werden müssen. Jeder dieser Container ist auf seine Weise Gegenstand militärtechnologischer Entwicklungen, die mit dem Diskurs des Kalten Krieges in einem gegenseitigen Begründungsverhältnis stehen: Wenn General McArthur verkündet »We defend every place«, so ist damit der gesamte Planet als Ort des dramatischen Geschehens markiert, die »Weltbühne« gleichsam, auf der das Drama der Guten gegen die Bösen sich abspielt. Doch diese Bühne ist zunächst einmal ein Versprechen, das erst technologisch eingelöst oder zumindest plausibel gemacht werden muß, etwa durch Raumfahrt und Satellitentechnologie, durch die die Bühne einen Zuschauerraum bekommt und so erst als Bühne sinnfällig wird.
Auch der kleinere container USA, der nach außen etwa gegen Angriffe durch feindliche Langstreckenbomber geschützt werden sollte, mußte zunächst technisch-sozial »konstruiert« werden. Das MIT errichtete in den 50er Jahren in enger Zusammenarbeit mit IBM das Semi-Automatic Ground Environment, kurz SAGE , das einfach gesagt zur Integration von Radardaten aus unterschiedlichen Quellen diente, die dann - mit Hilfe digitaler Computertechnologie - auf einem Bildschirm gemeinsam dargestellt werden konnten. Damit war für die Soldaten der Air Force zum ersten Mal die Möglichkeit geschaffen, auf einen Blick zu erfassen, was an den Grenzen des Landes »der Fall ist«. Es lohnt sich, an diesem Beispiel die Strukturanalogien zwischen Metapher und Technologie durchzuspielen. Zum einen ist es ja gerade eine Eigenheit der Metapher, komplexe Sachverhalte im Bild als einheitliche Gestalt wahrnehmbar zu machen. Und genau nach diesem Muster - Darstellung eines einheitlichen, idealisierten Modells der Wirklichkeit in einem bildlichen Medium - funktioniert SAGE. Weiterhin ist SAGE selbst eine Anwendung der Metapher Staat-als-Person, und zwar insofern es der »zentralisierten Datenverarbeitung« im menschlichen Organismus nachgebildet ist. Der (häufig unterirdische ) Kontrollraum ist das Gehirn, die Datenleitungen sind die Nerven, die Radarstationen die Sinnesrezeptoren an den Nervenenden. Das ganze System bildet einen Teil des sensorischen Homunkulus des Staates-als-Person, während die gegebenenfalls in Bewegung gesetzten Abfangjäger die »Gliedmaßen« darstellen.
Die Geschichte der computerisierten Landesverteidigung ist allerdings von Berichten und Legenden über falsche Alarme umrankt, deren Auswirkungen nur durch das beherzte Einschreiten von menschlichen Individuen auf ein zuträgliches Maß begrenzt werden konnten. Edwards berichtet im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg von etlichen spektakulären Ausfällen der dort eingesetzten Sensorik, die immer wieder dazu führten, daß Vietcong-Truppen an Orten auftauchten, wo sie gemäß des Computermodells garnicht hätten sein dürfen. Die digitalen Repräsentationstechnologien teilen also mit der »Repräsentationstechnologie« der Metapher das Problem der Artefakte, die später auf der Handlungsebene als handfeste Fehlurteile wiederbegegnen. Beide unterhalten ein gespanntes Verhältnis zu dem, was jeweils »der Fall ist«. Es handelt sich wohlgemerkt in beiden Fällen gerade nicht um Fehler bei der Codierung bzw. Decodierung oder um mangelnden Abstand von Rauschen und Nutzsignal, sondern um genuine »Interpretationsartefakte«, ein fehlerhaftes »Mapping« der zuhandenen Daten auf einen darzustellenden »state of affairs«.
Man versteht allerdings die gegenseitige Durchdringung von Technologie und Diskurs nur unzureichend, wenn man die außer Acht läßt, welche Rolle die Massenmedien und dort insbesondere die Bildmedien bei der Darstellung der »phantastischen« Möglichkeiten der jeweils neusten, gerade in Entwicklung befindlichen Technologien spielen. Die oben am Beispiel von SAGE aufgezeigte Durchdringung der Technik mit metaphorischen Vorstellungen (Staat-als-Person, Container, Information-als-Substanz) ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite stehen die populärwissenschaftlichen Darstellungen, die der Zuschauerschaft die Welt als Bühne für den finalen Konflikt zwischen hochgerüsteten Person-Staaten vorführten. So kamen etwa in den 50er Jahren mit dem Aufkommen der Satellitentechnologie jene Darstellungen des Globus in Mode, der durch den »Aufmerksamkeitskegel« eines Satelliten sensorisch »erfaßt« ist. Das Publikum mußte noch auf die Idee eingestimmt werden, daß - nur kurz nachdem Langstreckenbomber das Nonplusultra der Militärtechnik darstellten - nunmehr die Akteure in diesem globalen Schauspiel über »Augen« verfügten, die buchstäblich »alles«, was sich am Boden und darüber abspielte, sehen konnten. Zugleich stellen solche Schaubilder die »best-case«-Szenarien der Ingenieure dar, mit denen die Universitäten neue Forschungsgelder einwerben konnten. Und nebenbei lernte die Öffentlichkeit, daß wir nun ins Zeitalter der globalen Selbstbeobachtung der Menschheit eingetreten sind, wie Peter Sloterdijk das einmal nannte.
Die Phantasie der Allwissenheit, des vollkommenen Überblicks und der Allanwesenheit begegnet im Westen wahrscheinlich zum ersten Mal mit der Figur des einen Gottes. Aber Gott muß nicht nur sehen und wissen, er muß auch handeln können. Entwicklungen wie die militärische Robotik, Marschflugkörper etc. dienen dazu, den Militärapparat auch als handelnden gottgleich und omnipotent zu machen. Ziel ist im Konfliktfall die vollkommene Kontrolle über Raum und Zeit bei möglichst geringem Risiko eigener Verluste. Daß »vollkommene Kontrolle« keine Übertreibung ist, entnimmt man den jeweiligen Statements der Politiker oder Ingenieure, in denen Worte wie »jederzeit«, »überall«, »unabhängig von Klima und Lichtverhältnissen« etc. immer wieder vorkommen, wenn die Eigenschaften der gewünschten oder verfügbaren Technologie beschrieben werden.
Waren diese Bestrebungen zu Zeiten des Kalten Kriegs, wie Edwards das beschrieb, immer in den »final« gedachten Konflikt mit der Sowjetunion und ihren Satelliten eingebettet, ergibt sich nun ein anderes Bild: im »War on Terror« geht es nicht um eine Systementscheidung, sondern um den Kampf gegen »das Böse schlechthin« Und weil das Böse von sich her verschlagen, listig, brutal, gewissenlos ist und kein Partner für Verhandlungen, braucht es, um Bush und Rumsfeld zu paraphrasieren, neue Methoden, neue Ziele und nicht zuletzt auch neue Regeln für diesen Krieg. Und die ergeben sich ohne Umweg über Verhandlungen (die ja immer zumindest die Möglichkeit des Interessenausgleichs bieten) und auch ohne Rücksicht auf internationale Vereinbarungen oder Gepflogenheiten direkt aus dem alles bestimmenden Bild des Kampfes gegen das Böse.
Technische Selbstverwirklichung der Metapher
Am deutlichsten sieht man das an dem Gefangenenlager Guantanamo, in dem ein rechtlicher Ausnahmezustand herrscht. Bekanntlich werden die Gefangenen dort als »unlawful combattants«, »außergesetzliche Kämpfer« bezeichnet und ihnen sowohl der Status als Kriegsgefangene als auch die Möglichkeit abgesprochen, ein ordentliches Gericht anzurufen. Der italienische Philosoph Agamben hat darauf hingewiesen, daß die hier beobachtbare Herrschaft über den Ausnahmezustand das letztendlich konstitutive Element von Macht darstellt. Meine Pointe ist eine andere, die betrifft die realen Folgen des alles erklärenden Bildes oder Interpreationsrahmens. Die Abschließung des Diskurses gegenüber Nachfragen und Kritik besteht im Falle des Lagers Guantanamo nicht nur auf rhetorischer Ebene - kein Fall eines Insassen kann vor einem Gericht weiterverfolgt werden. Hier ist die vollkommene Kontrolle über Raum und Zeit zu einer vollkommenen Kontrolle über das Leben geworden, und zwar weil es sich die US-Regierung in ihrer Machtfülle leisten kann, von der Rhetorik unmittelbar zur politischen Praxis überzugehen. Keine rechtsstaatlichen Formen hemmen die »Selbstverwirklichung« jenes metaphorischen Szenarios des Kampfes gegen die »Substanz« des Bösen, es gibt realiter keine Möglichkeit für die Gefangenen, sich der Macht des Bildes zu entziehen, das die Macht über sie aufrecht erhält: sie sind gezwungen, den miesen Part spielen, den die symbolische Politik ihnen zugewiesen hat.
Wie weit sich diese Praxis von auch nur dem Anschein einer menschenwürdiger Behandlung entfernt hat, ist an den unverhohlen zynischen Reaktionen auf mehrere Selbstmordversuche von Insassen des Lagers abzulesen. So sagte etwa der Lagerkommandant Harris dazu, selbstverständlich immer im Bild bleibend: »Ich glaube, dass war kein Akt der Verzweiflung, sondern des asymmterischen Kriegs, der gegen uns geführt wird. Wir haben entschlossene Gotteskämpfer hier. Sie werden alles tun, was sie können, um ihren Kampf zu befördern.« So erhält selbst der extremste Versuch, sich der aufgezwungenen Deutung zu entziehen, eine Interpretation innerhalb des Bildes. (Diese Vorgehensweise scheint methodisch zu sein, man erinnere sich an Verteidigunsminister Rumsfelds sophistische Argumentation: Die Tatsache, daß man die vermuteten rollenden Labors im Irak nicht findet, beweise, wie verschlagen der Feind sei, denn er verstecke sie offenbar perfekt.)
Die Rolle, die die Technik bei dieser »Selbstverwirklichung der Metapher« übernimmt, läßt sich noch etwas deutlicher an den gezielten Tötungen studieren, die vom Militär und den Geheimdiensten der USA etwa mit Hilfe der Drohne »Predator« begangen wurden (oder vollbracht oder vollzogen, je nach Standpunkt). So wurde z.B. am 3. November 2002 vom CIA im Jemen ein Auto unter Beschuss genommen, wobei neben Ali Qaed Sinan al-Harthi, dem vermutlichen Drahtzieher des Anschlags auf die USS Cole, noch fünf weitere mutmaßliche Al-Qaida-Mitglieder ums Leben kamen. Selbstverständlich interpretieren die USA das als Teil ihres »Kriegs gegen den Terror«, nicht als kiegerischen Akt oder Selbstjustiz (also ein Verbrechen). Die Techniken der »vollkommene Kontrolle über Raum, Zeit und Information« (zu denen Google, Google Earth und Konsorten sozusagen die fröhlich-zivilen Parallelversionen sind) führen zu Situationen, in denen wiederum die traditionellen »Sätze« (Völkerrecht, internationale Konventionen) punktuell ausgehebelt werden können. Die so entstehende Leerstelle wird publikumswirksam mit den üblichen Begründungen (»übergeordnetes Interesse«, »Sicherheit« etc.) ausgefüllt, die letztlich wiederum auf das Schema »Krieg gegen den Terror« zurückzuführen sind. Gleiches gilt natürlich für die anderen Überwachungsmaßnahmen (Ausspähung von Banken, Flugpassagieren, Telefonaten), die diesem »höheren Zweck« dienen und wiederum von technischen Möglichkeiten abhängen, die erst im Laufe der letzten Jahre geschaffen wurden.
Der Zusammenhang von Überwachungstechnologie, Recht und Metapher läßt sich vielleicht am dichtesten so zusammenfassen: mit der technischen Entwicklung hin zu »Ubiquitätstechnologien« enstehen rechtliche Leerräume (von denen hier auch nur einige gestreift wurden), die nach Interpretationen rufen. Im schlechtesten Fall greift sich sozusagen die kurzschlüssigste, in sich geschlossenste Metapher (heute: das »Böse« im »Krieg gegen den Terror«) die verfügbare Technologie, sättigt sich an ihr (sprich: die metaphorischen Szenarien schlagen mit Hilfe der Technik unmittelbar in reale Settings um und bestimmen die Konstruktion der betreffenden Räume und Machtverhältnisse), und die »Sätze« des Rechts bleiben außen vor. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß hier nicht eiskalte Interessenpolitik betrieben wird. Die rhetorischen und rhetorisch-technischen Mechanismen bleiben davon aber unberührt.
Es gibt aber Hoffnung. Es gilt, sich die Kompetenz der »Metaphernkritik« anzueignen, um den »self fulfilling metaphors« jeglicher Herkunft etwas entgegensetzen zu können. Erst wenn diese Mechanismen verstanden sind und tausendfach und immer wieder offengelegt werden, haben Datenschutz und Bürgerrechte eine Chance gegen die Macht, die sich mit auf den ersten Blick schlüssigen, in Wahrheit jedoch kurzschlüssigen Bildern gegen Kritik und Nachfragen immunisiert. Die Aufgabe ist um so ernster, als diese Bilder offenbar die Neigung haben, sich in immer ausgefeilteren Gewalttechnologien unwiderlegbar zu machen.