Denken findet nicht im Kopf statt
Denken findet nicht im Kopf statt. Ein Versuch, schlaglichtartig die Konsequenzen dieser Einsicht für Medientheorie und -praxis darzustellen.
Man könnte den Eindruck gewinnen, die ganzen »systemischen« Ansätze der letzten Jahre seien spurlos verpufft angesichts der starken Hintergrund-Metapher von Medien als »Containern« oder bedeutungsvoll struktuiererten (z.B. beschriebenen) »Flächen«. Der erste Schritt, den die theoretische Distanzierung tut, ist dann oft eine Bewegung nach »oben« und »außen«, in eine Perspektive hinein, aus der Medien dann bloß noch als »Beinhaltungsverhältnisse« beschrieben werden können: der Autor als »Content Provider«, das Medium als »Gefäß«, in das die Dinge hineinkommen, die auf geheimnisvolle Weise der Innenwelt des Autors entspringen.
Vielleicht ist das ja ein Abwehrmechanismus gegenüber der nächsten anstehenden »Kränkung« des Menschengeschlechts (nach denen durch Freud und Darwin), die darin bestünde, sich klarzumachen, daß unser Denken nicht im Kopf stattfindet - oder jedenfalls nicht nur dort.
Immerhin werden seit Jahrzehnten - von Alexander Lurija bis Edwin Hutchins - die Kognitionswissenschaftler nicht müde zu betonen, wie sehr jede kognitive Tätigkeit, einschließlich der begrifflichen, von äußeren Symbolsystemen abhängt. Und in der Praxis haben wir den Schritt längst vollzogen: Luhmann arbeitete mit einer Kartei (seinem berühmten »Zettelkasten«), in der Weblog-Szene rauschen Beobachtungen im Format RSS durch die Leitungen, und den Ökonomen ist der Umgang mit Spreadsheet-Programmen zur zweiten Natur geworden.
Auf der Beobachtungsebene jedoch herrscht weiterhin fröhlicher »Mentalismus« - die Idee eines geistigen »Innenraums«, dessen »Inhalt« von Zeit zu Zeit (sei es während eines Telefonats oder beim Schreiben eines Buches) in eine bestimmtes Medium »gegossen« wird, bis andere es - zeitgleich oder später - dort wieder herausholen.
Dem wäre versuchsweise eine Auffassung entgegenzusetzen, die den gemeinsamen Gebrauch ins Zentrum stellt, den »Produzenten« und »Rezipienten« vom Symbol-Material machen.
[Was jetzt folgt, sind Auszüge aus einem Thread in openBC, in denen ich versuche zu skizzieren, wie »Denken« als »internalisierte Handhabe externer Symbole« gefaßt werden könnte.]
Ich lese gerade Rolf Pfeifers Buch »Understanding Intelligence«. Es handelt kurz gesagt von Robotik als »embodied cognitive science«, also der Kognitionswissenschaft, die es mit »situierten« oder »verkörperten« künstlichen Agenten zu tun hat, sowohl im Realraum als auch in simulierten Umgebungen. Diese Wissenschaft hat Pfeifer zufolge zwei hauptsächliche Zielsetzungen, einmal eine konstruktive (Wie baue ich bessere Agenten, was auch immer besser hier heißt) als auch eine, die auf besseres Verständnis kognitiver Prozesse überhaupt gerichtet ist.
An einer Stelle im Buch spricht er von der Schwierigkeit, einem Roboter etwa beizubringen, die Teetasse von da drüben herzubringen und hier auf dem Tisch abzustellen. Technisch ist das ohne weiteres möglich, das Problem ist nur, wie man dem Bot beibringt, was eine Teetasse ist. Die Techniker nennen das das »Symbol Grounding Problem«, das von dem englischen Kognitionswissenschaftler Stevan Harnad (1990) zum ersten Mal als solches formuliert wurde. Wenn man davon spricht, daß Symbole geerdet sein sollen, dann ist das natürlich eine Metapher, aber wir verstehen sofort, was gemeint ist: das Wissen um die Bedeutung des Symbols muß irgendwie in der Erfahrung mit den Sachen um uns herum verwurzelt sein, sonst hängt das Symbol in der Luft und kann nicht in Handlungszusammenhängen wirken, also z.B. nicht benutzt werden, um eine Anweisung zu formulieren. Dieses Mysterium beschäftigte auch Wittgenstein, der sich in den Philosophischen Untersuchungen fragte, was dazugehört, einer Regel folgen zu können. Was muß passieren, damit man eine Regel versteht und sie dann anwenden kann? Worin sind die Symbole geerdet, damit man ihnen folgen kann?
Nun führt Pfeifer etwas später ein Design-Prinzip für künstliche Agenten, wie er es nennt, ein, das er »sensory motor coordination« taufte. Sein Beispiel ist ein Bot, der zwischen kleinen Objekten (die er aufnehmen und irgendwo hinbringen kann) und sehr großen Objekten (etwa einer Wand) unterscheiden lernen soll. Und interessanterweise lernt der Bot diese Unterscheidung ungleich schneller, wenn er sich bewegen darf, statt nur statische Bilder auszuwerten (Da steckt viel Mathematik und Ingenieurskunst drin, die ich uns jetzt mal erspare).
Als philosophischen Beleg für diese Herangehensweise führt Pfeifer den berühmten Reflexbogen-Aufsatz von John Dewey an, der aus dem Jahr 1896 stammt. Dewey, der sich ja anfangs intensiv mit Psychologie beschäftigte, formulierte ein Prinzip, nach dem Wahrnehmung eine *Aktivität* ist, die nicht nur die Sinnesorgane, sondern eben auch (zu Beginn des Lebens um so intensiver) auch den Bewegungsapparat beansprucht.
Pfeifer läßt dann irgendwo nebenbei die Bemerkung fallen (die für mich aber zentral ist), daß bei Menschen durch das Spiel (was ja die 'Manipulation von Gegenständen' beinhaltet) die Symbole »automatically grounded« sind. Das Kind lernt ja nicht irgendwas, wenn es spielt - es lernt, bestimmte Sinnesmodalitäten zu koordinieren, Größen, Farben, Oberflächenbeschaffenheiten, Beweglicheit/Unbeweglichkeit etc. zu unterscheiden und mit dem eigenen Körper, aber auch anderen Gegenständen zu vergleichen. Und es lernt auch schon abstrahieren: Vergleich, Induktion, Ursache & Wirkung, die dazugehörigen Abschätzungen etc. - es gibt einen wunderschönen Film, »La vie, un jeu«, den ich einmal in Arte aufgenommen habe, dessen Autoren mit den Mitteln des Essayfilms die Auffassung vertreten, daß die Kinder diese grundlegenden kognitiven Funktionen bereits lernen bevor sie sprechen (und ich kann mich als Vater eines momentan 5 Monate alten Jungen dem Eindruck nicht entziehen, daß sie recht haben).
Das legt in meinen Augen den etwas verwegenen Schluß nahe, daß es wohl eine »Sprache des Geistes« gibt, die der gesprochenen Sprache ontogenetisch vorausgeht, die aber wohl als »virtuelles Herumwurschteln« besser beschrieben ist als mit dem Wort »Sprache«, das ja Dinge wie Grammatik und ein Lexikon nahelegt. Das würde sich auch mit der Beobachtung decken, von der diese Betrachtung ihren Ausgang nahm, nämlich daß man manchmal eine glasklare Einsicht nur unter Mühen sprachlich fassen kann.
Die Frage, die es jetzt zu beantworten gilt, ist die folgende: Falls es zutrifft, daß unsere grundlegenden kognitiven Operationen im Alter von 0 bis 2 Jahren ausgeprägt werden, und zwar in der Selbst- und Gegenstandserfahrung als »manipulierender Körper« in der Raumzeit (3D-Raum + zeitliche Folge), in welchem Verhältnis stehen dann abstraktes Denken und insbesondere die Sprache zu dieser kognitiven Basisausstattung?
Vorausgesetzt wird, daß nun (im Alter von etwa 2 Jahren) bestimmte »Simulationen« möglich sind; daß das Kind Arten von Gegenständen unterscheiden und einordnen kann (Kategorienlernen); daß es eine Ahnung vom Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung hat; daß es (implizit, also im Handeln, aber nicht notwendigerweise sprachlich) mit Begriffen wie Gleichgewicht, Orientierung, Nähe bzw. Entfernung, Kraft, Einfluß, Reichweite, Hindernis, mit der Unterscheidung von Singular und Plural etc. umgehen kann. Diese Auflistung ist alles andere als vollständig. Es soll nur angedeutet werden, daß aus den Erfahrungen des Körpers die Voraussetzungen für logisches und assoziatives Denken gegeben sind. Gegeben ist auch (implizit) ein Begriff von »Wert«, und zwar insofern die Gefühle von Lust und Unlust eine Art Rangordnung der erwünschten Lagen aufspannen, auch wenn das Kind in der Regel eher die lokalen als die globalen Maxima aufsuchen wird.
Meine These ist nun, daß der auf die beschriebene Weise hochgradig »verkörperte« Geist des Kindes seinen Spracherwerb auf eine Weise steuert, die nicht nur immer von neuem eine »Erdung« der Symbole zuläßt (der Umgang mit Bauklötzen und später Teetassen setzt sich ja fort und wird verfeinert), sondern die auch der Bild- bzw. Modellhaftigkeit des vorsprachlichen Denkens Rechnung trägt, und zwar mittels der Metapher. In diese Richtung weisen jedenfalls die Forschungen der kognitiven Linguisten aus dem Umkreis von Lakoff, Turner oder Fauconnier. Das Faszinierende an diesen Überlegungen ist, daß mittels der Metapher (oder noch allgemeinerer Mechanismen - ich komme darauf zurück) nicht nur die Symbole »automatically grounded« wären, wie Pfeifer das vermutet, sondern gleich ganze Szenarien, Vorgänge, Skripts.
Im Lexikon begegnen ja metaphorische Ausdrücke en masse, gerade wenn es um Abstrakta geht. Geistige Tätigkeiten werden oft im Hinblick auf die Hand metaphorisiert (erfassen, begreifen, behandeln, aufzeigen), die Zeit sowie Ereignisse als bewegliche Sachen modelliert (»Das kommt auf uns zu«), Innerpsychisches pneumatisch, fotografisch oder neuerdings computertechnisch beschrieben.
Hier eine etwas ausführlicheres Beispiel: Angela Merkel besuchte im Frühjahr 2003 die USA und bereitete diesen Besuch publizistisch vor, und zwar durch einen Artikel in der Washington Post unter der Titel »Schröder doesn't speak for all Germans«. Darin finden sich folgende Zeilen:
»Peace is a supreme good, for the sake of which every effort has to be made. But it is also true that responsible political leadership must on no account trade the genuine peace of the future for the deceptive peace of the present.« [etwa: »Der Friede ist ein hohes Gut, um dessentwillen jede Anstrengung unternommen werden muß. Aber es trifft auch zu, daß ein verantwortlicher Staatsmann den wahren Frieden der Zukunft unter keinen Umständen gegen den trügerischen Frieden der Gegenwart eintauschen darf.«]
Das mag einem etwas geschwollen vorkommen, vielleicht politisch fragwürdig. Aber das Interessante an diesem Absatz ist, daß der zweite Satz, wörtlich genommen, komplett sinnlos ist. Man kann schlicht und einfach keinen einen Frieden gegen einen anderen Friede »eintauschen«, und schon gar nicht kann man etwas tauschen, das nicht existiert (weil es noch »der Zukunft« zugerechnet wird). Wie also denkt man sich, was dieser Satz bedeutet? - Metaphorisch. Denn glücklicherweise hat ja der Ghostwriter mit dem »supreme good« im ersten Satz den merkantilen Rahmen aufgezogen (wiederum trickreich mit der Doppelbedeutung des Wortes »Gut« spielend, als eines ökonomischen oder moralisch-juristischen Guts), der dann im zweiten Satz für den Handel mit »Futures« genutzt wird. (Den »genuine peace of the future« erleben wir ja gerade, naja, Zocker verschätzen sich eben manchmal.)
Sobald man seinen Blick dafür geschärft hat, stellt man fest, daß Metaphern in unseren Diskursen ubiquitär sind und das große Debatten (Zuwanderung, out-of-area-Einsätze der Bundeswehr, Arbeitsmarkt etc.) mitunter geradezu an metaphorischen Modellen entlang geführt werden.
Metaphern erlauben also, kurz gesagt, das »grounding« des Denkens über abstrakte Vorgänge in vertrauten Körper- oder Alltagserfahrungen. Es zeigt sich, daß es sogar eine Art »metaphorische Rationalität« gibt (siehe Merkel), ein Schlußfolgern im Medium der Metapher, das allerdings oft unseren vertrauten Rationalitätskriterien nicht entspricht.
Vielleicht deutet sich hier ja ein weiteres Kontinuum des Denkens an, das vom »kinästhetisch/bildlichen Aktions-Modell« über die Metapher und die Alltagssprache zur Strenge formaler Sprachen und logischer Kalküle reicht.
Aber was ist die »Sprache des Geistes«, die mittels der Metapher ins Sprechen und die Abstraktion hineinwirkt? Und schließt sich der Kreis wieder? Lassen sich nicht gerade logische Kalküle auf eine Weise »verbildlichen«, die sie dann wieder »gehirnnah« machen und der »Sprache des Geistes« näherbringen?
Bevor man sich hier in philosophischen Debatten über die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer »Sprache des Geistes« verliert, sollte man vielleicht eher anschauen, was die Hirnforschung über das Thema Bild vs. Abstraktion zu Tage gebracht hat.
>Auf eine mögliche Sprache des Geiste als amodale oder propositionale
>Form der Repräsentation bin ich bereits eingegangen.
>Die Vorstellung, dass sie in Form von Metaphern ausgedrückt ist oder
>sein kann - ich bin ja vorsichtig mit Behauptungen - finde ich dabei
>sehr ansprechend.
Ja. Ich glaube aber, daß es um etwas anderes geht als um den Ausdruck oder die »Übersetzung« amodaler Repräsentationen (noch weniger propositionaler!). Vielmehr gehe ich davon aus, daß wir »mit dem Körper denken«, um es mal auf eine griffige Formel zu bringen.
Wenn ich Antonio Damasio und sein Buch »Descartes' Error« richtig verstanden habe, dann verfolgt er zwei Absichten mit seiner Argumentation: Zum einen möchte er verständlich machen, inwiefern Emotionen (aus der Sicht des Bewußtseins) ein »Fenster zu Körperzuständen« darstellen. Zum anderen geht es ihm darum, daß diese Emotionen im Denken eine wichtige Rolle spielen, daß sie es sozusagen »formen« bzw. manchmal »leiten«. Mir ist speziell das Beispiel hängengeblieben, daß man manchmal »fühlt«, ob bei der Lösung eines (intellektuellen) Problems der gegenwärtige Schritt einer in die richtige Richtung ist oder nicht. Wer z.B. aufgrund eines Hirnschadens von der Wahrnehmung seiner Emotionen (dem Fenster zu Körperzuständen) abgeschnitten ist, hat es mitunter schon bei Alltagsaufgaben schwer, die Grobrichtung zu bestimmen, in der die Lösung liegt. (Ich paraphrasiere Damasio unverantwortlich grob, aber ich habe das Buch gerade nicht zur Hand.)
Damasio spricht streckenweise ausführlich über Forschungen an denjenigen Regionen im Gehirn, die mit der Verarbeitung von Bildern (sowohl optischen Eindrücken als auch Vorstellungen) zu tun haben, die z.T. identisch sind, aber je nach »Modus« (gegenwärtiger Eindruck, Erinnerung oder Vorstellung) unterschiedlich mit anderen Hirnregionen verschaltet sind. Ich bin mir im Klaren, daß ich mich hier (nach meinem Wissensstand jedenfalls) im Reich der Vermutung befinde, aber ich gehe davon aus, daß Denken tatsächlich ein »Probehandeln« ist, und zwar in einem viel weitergehenden Sinn, als man das durch Selbstbeobachtung ermitteln könnte. Ich habe schon auf die Experimente von Damasio verwiesen, die darauf hinweisen, daß beim Verstehen von Tätigkeitsverben der motorische Kortex aktiv ist. Man könnte jetzt spekulieren, daß das Verstehen eines Satzes, der irgendein Bewegungshandeln zum Gegenstand hat, mit einer »Simulation« dieses Handelns im motorischen Kortex einhergeht. (Vielleicht geht da ja aus Damasios Forschungen bereits hervor.) Die »Sprache« des Geistes wäre dann nicht amodal oder propositional - sondern ein analoger Computer! (Ich weiß, daß das ein bißchen kitschig klingt, aber ich möchte es jetzt mal als Hypothese so stehen lassen und sehen, wohin das führt.)
Wir hätten jetzt also die folgenlosen Blubber-Gedanken am frühmorgendlichen Ende des Kontinuums schlicht als Versprachlichung von Stoffwechsel- oder Kreislaufzuständen (cum grano salis), im mittleren Teil (Probehandeln) wäre Denken tatsächlich eine kortikale Simulation des Tuns selbst (das man versprachlichen kann oder auch nicht), und am anderen Ende, im »schlackenlosen, abstrakten Diskurs« - was haben wir da? Was macht der motorische Kortex, während wir über die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik nachdenken?
Vielleicht brauchen wir hier eine Begriffklärung. Ich hatte den Eindruck, daß Amodalität und die Beteiligung des motorischen Kortex am Denken sich ausschließen. Wäre dankbar für Aufklärung, wie du Amodalität fassen würdest.
Also - ich hatte die »Sprache des Geistes« als analogen Computer bezeichnet und gefragt, was wohl der motorische Kortex macht, wenn wir abstrakt denken (logische oder mathematische Überlegungen anstellen).
Und weiter gefragt: Was ist die Brücke zwischen diesem »analogen Computer« - der offenbar (sozusagen von Kindesbeinen an) in der Lage ist, innere und äußere Vorgänge zu simulieren, probezuhandeln und sich von Körperzuständen (Gefühlen) dabei beeinflussen zu lassen - und dem, was wir traditionell unter »Denken« verstehen, dem Lösen von Problemen, dem Stiften von Zuordnungen, der Fähigkeit, Dinge »auf den Begriff zu bringen«?
Diese Brücke ist, vermute ich, jene Fähigkeit des Menschen, die Mark Turner und Gilles Fauconnier in ihrem Buch »The Way We Think« als »conceptual blending« bzw. »conceptual integration« bezeichnen. (Turner ist ein kognitionswissenschaftlich »gewendeter« Literaturwissenschaftler, Fauconnier ein kognitiver Linguist.. eigentlich sollte man »Kognitionslinguist« sagen, denn kognitiv sind wir ja alle irgendwie...) Mit »conceptual integration« ist die Fähigkeit bezeichnet, die der Verwendung von Metaphern, Metonymien etc., aber schließlich wohl allen Zeichenprozessen zugrundeliegt, nämlich verschiedene Schemata aufeinander abzubilden und mit diesem integrierten Schema (falls die Abbildung erfolgreich war) weiterzuoperieren. Ein Fall, mit dem ich mich vor längerer Zeit ausgiebig befaßt habe, ist die metaphorische Abbildung von Migration bzw. Flucht auf das Bild der »Naturkatastrophe«. Diese Metapher erlaubt es, angesichts eines mitunter bedrohlich empfundenen, in seinen Gründen und Auswirkungen aber nur schwer durchschaubaren Phänomens trotzdem »rational« zu bleiben und zu Haltungen und ggf. Handlungen zu kommen. Man denkt fortan »im Bild«.
Es gibt einen Aufsatz von Bernhard Debatin, »Die Modellfunktion der Metapher«, der sehr schön die »metaphorische Rationalität« herausarbeitet. Und interessanterweise hat Niklas Luhmann in »Die Wirklichkeit der Massenmedien« den zentralen Anteil von Schemata an der massenmedialen Aufarbeitung von allgemein belangvollen Ereignissen beschrieben. Hier http://www.muse-net.info:8080/paragon/objectpage?oid=0007645... gibt es ein ausführliches Zitat aus dem Buch, das sehr schön die Rolle von Schemata und Skripts beleuchtet.
Nun könnte man allerdings einwenden, daß das Verstehen von Skripts, Schemata und dergleichen schon Sprache voraussetzt und wir daher mitnichten der Lösung des Rätsels nähergekommen sind, wie denn die Symbole »geerdet« sind - wir hätten einen infiniten Regreß, der um nichts besser ist als die von Putnam so genüßlich zerpflückte modelltheoretische Semantik. Die Symbole hingen weiterhin »in der Luft«, wir hätten allenfalls neue Möglichkeiten ihres Zusammenspiels erkundet.
Der Einwand greift aus mehreren Gründen zu kurz. Zum einen gibt es ganz gewiß Schemata, die nicht-sprachlich (z.B. kinästhetisch oder bildlich) sind. Weiterhin läßt sich sagen, daß ja niemand behauptet hat, ein Kind müsse vor dem Spracherwerb etwas von Naturkatastrophen wissen, um mit besagter Metapher umgehen zu können. Vielmehr kann man sich die kognitive Entwicklung als ein In- und Aufeinander von »conceptual blends« vorstellen, bei der jeweils die verfügbaren Blends als input spaces in neue, höherstufige Blends eingehen. Wenn man sich etwa die berühmte »Desktop-Metapher« der gängigen Human-Computer-Interfaces als conceptual blend vorstellt, müssen die Skripts der typischen Büroumgebung halbwegs vertraut sein, sonst besagt einem der Name »Ordner« garnichts.
Ich habe zu Beginn des Threads darauf hingewiesen, daß m.E. die Werkzeuge (einschließlich vorgefundener Symbolsysteme) für unsere kognitiven Fähigkeiten ausschlaggebend sind. Darauf hat schon Alexander Lurija hingewiesen, heute begegnet der Gedanke z.B. bei Andy Clark als »external scaffolding« (Gerüstbau). Edwin Hutchins, der ein bahnbrechendes Buch über das kognitive System einer Schiffsbesatzung geschrieben hat (Cognition in the Wild), hat 2002 auf einer Konferenz von Werkzeugen und Symbolen als »material anchors for conceptual blends« gesprochen.
Selbstverständlich kann der Umgang mit Symbolen, der ja - analog zum Umgang mit einem Hammer - erst »draußen«, also »anhand« der materiellen Symbole gelernt wird, im Laufe der Zeit internalisiert werden. (Leises Lesen war eine relativ späte Errungenschaft, wenn man sich vor Augen hält, wie lange es schon Schrift gibt.) Dabei könnte es ebenso zu einer Chunk-Bildung kommen wie beim Lernen jedes anderen Bewegungsablaufes etwa im Sport.
Meine Idee ist nun, daß unsere Gedanken nicht der »Transport« einer formalen Language of Thought in die Lebenswelt hinein sind, sondern daß vielmehr die Verwendung formaler Sprachen (z.B. logischer Kalküle) ebenso ein »Probehandeln« ist wie das Denken-an-den-Gang-zum-Briefkasten. Ein etymologischer Hinweise darauf ist das Wort »Symbolmanipulation«, also »Handhabung« von Symbolen. Vermutlich ist also der motorische Kortex höchst aktiv, wenn wir uns mit abstrakten Problemen beschäftigen. Nicht umsonst gilt Schach als Sport. ;-)
Meines Erachtens genügen diese Überlegungen, um sich ein paar Experimente (oder kulturwissenschaftliche Betrachtungen) auszudenken, die diesen Ansatz stützen oder gegen ihn sprechen könnten.
Was mich an diesen Ansätzen (speziell Turner/Fauconnier und Hutchins) maßlos fasziniert, ist die Breite des Untersuchungsfeldes, das sich für die Kognitionswissenschaft auftut, wenn man jene Artefakte in die Betrachtung hineinnimmt, die man heute gemeinhin als digitale Medien bezeichnet. Es gibt eine Untersuchung von Lev Manovich (»The Language of New Media«), die analog zu einer und in Anlehnung an eine Sprache des Films versucht, da etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Aber es fehlt ihm hinsichtlich der kognitionswissenschaftlichen Implikationen an Tiefe. Was bedeutet es für unser Denken, wenn Artefakte wie Spreadsheet-Programme (conceptual blend aus a) Tabelle und b) an Ort und Stelle ausgewerteten Algorithmen), Suchalgorithmen, formale Ontologien (Semantic Web) und die Tag-Sammlungen des »social computing« zu unserer kognitiven Werkzeugkiste gehören? (So viel zu meiner Motivation.)
Ich würde die Sache gern etwas genauer ausarbeiten, deshalb sind spezifische Nachfragen höchst willkommen. Umgekehrt wüßte ich gern, was es mit deinem Begriff des »Konzepts« auf sich hat, und was deine Vorstellung davon ist, was bei der Verwendung von Konzepten im Gehirn passiert.