Die publizistische Endlösung der Balkanfrage: Milosevic ist tot
Der SPIEGEL gibt den Ton vor, in dem fortan über Milosevic und die Jugoslawienkriege geschrieben werden wird, und es war leider nicht anders zu erwarten.
Tenor: Er ist gestorben, und so wird es leider, leider nicht zu einem Urteil kommen - aber natürlich war alles, was man ihm vorwarf, die reine Wahrheit.
Folgerichtig wird dann vorgeführt, wie man dem Mann die Gesamtschuld an der Katastrophe des Zerfalls Jugoslawiens zuschustern kann, ohne ein Wort darüber zu verlieren, welche Schwierigkeiten in Den Haag herrschten, auch nur einen Anklagepunkt schlüssig zu belegen. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, daß das Tribunal ihm eine medizinische Behandlung in Rußland verwehrte und somit im Grunde schon ein informelles Todesurteil aussprach.
Auch das ist für Leute, die sich ein bißchen informierten, keine Überraschung. Denn schon ein paar Wochen nach Eröffnung des »Prozesses«, der anfangs von enormem Medienrummel begleitet war, wurde es merkwürdig still um die Sache, und es kristallisierte sich eine für das Tribunal äußerst unangenehme Entscheidung heraus: Entweder Verurteilung mit äußerst schwachen Gründen (es wäre im Grunde das von vornherein feststehende Gesinnungsurteil gewesen) oder ein peinlicher Freispruch, jedenfalls was die schwersten Anklagepunkte wie Völkermord angeht.
So kommt der Tod Milosevics den politischen und publizistischen Leitfiguren des Westens äußerst gelegen: Da kein Urteil gesprochen werden wird, können die Anklagepunkte bis zum Erbrechen heruntergebetet werden, als seien sie schon das Urteil, Milosevic kann - für die Interventionsmächte äußerst entlastend - als der alleinige Urheber der jugoslawischen Tragödie dargestellt werden, und das Tribunal wird nicht auf die eine oder andere Weise das Gesicht verlieren müssen. M.a.W.: die publizistische Endlösung der Balkanfrage ist vollzogen, der »dritte Weg« ein für allemal diskreditiert, und die Privatisierung und Verelendung des Balkans kann wie vorgesehen durchexerziert werden.
Es ist schon fast schauerlich anzusehen, wie genau der o.g. SPIEGEL-Artikel dieses Szenario bedient.
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